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Pinnebergmuseum in Funk und Fernsehen:
a) Nordschaumagazin: Johannes Görbing
http://www.ndr.de/mediathek/index.html?media=shmag13465
b) Bayern II: S. Wörishöffer
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiozeitreisen/feature-radiozeitreisen-percy-fawcett104.html
Erschütternde Schicksalsberichte
Stadtmuseum eröffnet Ausstellung „Alles zurückgelassen - Flucht und Vertreibung nach 1945“
Lars Zimmermann
PINNEBERG 14 Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren, zwei Millionen fanden auf der Flucht den Tod. Erschütternde Zahlen. „Und doch können wir uns nicht wirklich vorstellen, was die Betroffenen verkraften mussten“, sagte Ina Duggen-Below, Leiterin des Pinneberger Stadtmuseums. Die Ausstellung „Alles zurückgelassen Flucht und Vertreibung nach 1945“ soll weit über die Fakten hinausgehen. „Wir wollen zeigen, was es heißt, die Heimat zu verlassen“, erklärte Duggen-Below bei der Eröffnung der Werkschau. Rund 70 Gäste waren ins Stadtmuseum gekommen, darunter Bürgermeisterin Kristin Alheit (SPD) und viele, die den ausführlichen Einblick in Flucht und Vertreibung erst möglich gemacht haben.
Etliche Betroffene stellten dem Museum Erinnerungen an ihre Flucht zur Verfügung. So hängt an der Wand beispielsweise ein Ölgemälde von Arno Gabriel. Dieses verarbeitet ganz schlicht das schreckliche Geschehen von damals. Zu sehen sind Soldaten, die in verschiedene Richtungen deuten und eine Familie, die den Anweisungen Folge leistet. „Polnische Soldaten haben uns vertrieben und die Familie getrennt“, berichtete der 77-jährige Wedeler. Vor der Vertreibung im Oktober 1945 aus Ostpreußen war die Flucht der Familie gescheitert. Das russische Militär hatte sie wieder zurückgeschickt. Völlig sachlich sprach Gabriel über diese Zeit. Wie sehr ihn die Erlebnisse bewegt haben, zeigen aber seine Ölgemälde mit Stationen seines Lebens. Die meisten Bilder handeln von der Vertreibung und den ersten Jahren in seiner neuen Heimat.
Auch Kurt Budszuhn (83) berichtete ganz nüchtern von der damaligen Zeit. Seine Familie wollte aus Ostpreüßen fliehen, wurde aber ebenfalls von russischen Soldaten zurückgeschickt. Budszuhn musste Zwangsarbeit verrichten, konnte entkommen und kämpfte sich bei minus 20 Grad zu seiner Familie zurück. Völlig emotionslos schilderte er diese Erlebnisse. Nur einmal stand er kurz davor, die Fassung zu verlieren. So erzählte er, dass seine Mutter von russischen Soldaten vergewaltigt wurde. „Ich lag krank im Nebenzimmer und habe alles mitbekommen“, sagte er und kurz wurde seine Stimme ein wenig brüchig. So wie Budszuhn und Gabriel mussten viele schreckliche Ereignisse verarbeiten. Insgesamt 40 Zeitzeugen aus dem Kreis Pinneberg haben ihre Geschichte niedergeschrieben, die nun im Stadtmuseum nachzulesen ist.
Dazu geben Erinnerungsstücke wie alte Koffer, Fotos, Personalausweise, Spielzeug und Töpfe einen Einblick in die damalige Zeit. Die Erinnerungen der Betroffenen sind lückenlos. Das bewies bei der Ausstellungseröffnung auch der Vortrag von Festredner Bernhard Lehnert, dessen Familie Posen verlassen musste. „Das Thema der Ausstellung erinnert mich an den 20. Januar 1945: Da rief abends um 8Uhr mein Vater an“, blickte Lehnert zurück. Er habe gesagt, dass die Russen kommen und die Familie schnell verschwinden müsse. Mitten in der Nacht begann bei minus 20 Grad die Flucht. „Wir hatten buchstäblich nur noch das, was wir auf dem Leibe trugen“, berichtete Lehnert.
Auch Christa Hamann musste mit ihrer Mutter und fünf Geschwistern überstürzt ihr Zuhause verlassen. „Am 6. Januar 1945 begann unsere Flucht“, berichtete die 77-jährige Pinnebergerin. Sie erzählte, dass sie sich auch heute noch keine Kriegsfilme im Fernsehen anschaue, betonte aber, dass sie kein Trauma erlitten habe. Doch eine Lektion hat sie gelernt, die sie auch an die nachfolgenden Generationen weitergeben möchte: „Nie wieder Krieg“, sagte sie mit voller Überzeugung. Die Ausstellung „Alles zurückgelassen — Flucht und Vertreibung nach 1945“ ist bis zum 7. April im Pinneberger Stadtmuseum (Dingstätte 25) zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 17 bis 19 Uhr, Donnerstag von 10 bis 12 Uhr sowie von 15 bis 17 Uhr und Sonnabend von 11 bis 13 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Pinneberger Tageblatt, 8.12.2011
Gisela Gentz trägt die Heimat im Herzen
Eike Pawelko
Die Ausstellung "Alles zurückgelassen" im Pinneberger Stadtmuseum erinnert an die dramatische Situation der Menschen im Kreis nach 1945.
Pinneberg. Kaum hatte Gisela Gentz ihren Fuß zum ersten Mal auf Pinneberger Boden gesetzt, musste sie um ihr Leben rennen. Sirenengeheul empfing den damals 15 Jahre jungen Backfisch im April 1945 am Bahnhof. Fliegeralarm. "Wir liefen in den Bunker unterm Fahlt, ich glaube, den gibt's heute noch", erinnert sie sich. Da war die zierliche Gisela aus der Kleinstadt Wangerin in Ostpommern mit ihrer Mutter schon fast zwei Monate lang auf der Flucht.
Gisela Gentz ist eine von 1,2 Millionen Menschen, die die Kriegswirren nach Schleswig-Holstein gespült hatten. Pinnebergs Einwohnerzahl verdoppelte sich von 1939 bis 1948 auf 25.000. Wie schwierig der Alltag sich damals gestaltete, und welche Schicksale die neuen Mitbürger erlebt haben, davon erzählt die Ausstellung "Alles zurückgelassen. Flucht und Vertreibung nach 1945", die am Sonnabend, 3. Dezember, um 15 Uhr im Pinneberger Stadtmuseum, Dingstätte 25, eröffnet wird. Die Schau ist dienstags, mittwochs und freitags jeweils von 17 bis 19 Uhr zu sehen, donnerstags von 10 bis 12 Uhr und 15 bis 17 Uhr, sonnabends von 11 bis 13 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Museumschefin Ina Duggen-Below und ihr Team haben die Erlebnisse von 35 Zeitzeugen aus dem Kreisgebiet zusammengetragen, dazu Briefe, Fotos und Original-Gepäckstücke der Flucht. Zum Beispiel das schwarze Fahrrad von Gisela Gentz. Vor 70 Jahren schenkte der Vater es ihr zum zwölften Geburtstag. Mit Zähnen und Klauen verteidigte sie diesen Besitz unter den abenteuerlichen Umständen der Flucht. Sie benutzt es bis heute.
Im März 1945 hatten deutsche Soldaten Mutter und Tochter auf den Treck nach Westen geschickt. Zu Fuß, die nötigsten Habseligkeiten führten sie in einem Handwagen mit sich. "Die Straße war voller Menschen, Flüchtlinge und vor allem Soldaten mit blutigen, unverbundenen Köpfen." Mit Glück und Cleverness schafften die drei Frauen es am Bahnhof Runow in einen Zug mit geschlossenen Viehwaggons, der eigentlich den Familien der Eisenbahnangestellten vorbehalten war. "Das war ein Wunder. Jetzt gehörten wir zu den Eisenbahnern und wurden versorgt."
Ihr wertvollster Besitz war das Zwei-Liter-Kochgeschirr, das ein Soldat ihnen zugesteckt hatte. "Nur so konnten wir etwas von der Suppe abbekommen, die Leute an die Bahnhöfe brachten. Wir löffelten gemeinsam daraus."
Über Rostock ging's schließlich weiter nach Pinneberg. "Wir mussten hier aussteigen, das war eben so eingeteilt worden." Ihr neues "Zuhause": Ein Strohlager in den Klassenzimmern der Schule Nord, die Flüchtlinge lagen dicht an dicht. In der 16-Quadratmeter-Baracke eines aufgelösten Soldatenlagers an der Prisdorfer Straße fand die kleine Familie - der Vater war am letzten Kriegstag direkt zu Mutter und Tochter zurückgekehrt - eine erste eigene Bleibe. Den stabilen Kommandeursstuhl, den die Soldaten zurückgelassen hatten, benutzt Gentz heute noch: als Küchenthron in ihrem Prisdorfer Haus. Das ließ sie 1974 in Prisdorf aus der Erinnerung exakt so bauen, wie ihr Elternhaus in Pommern. Mit dem gleichen Blick aus der Küche in den weitläufigen Garten. Dort fühlen sich ihre Graugänse und Zwerghühner wohl, dort steht "ihre" Tanne, der sie alles erzählen kann, wie als Kind in Pommern.
Der Anfang in Pinneberg war nicht leicht. "Die Mitschüler hänselten mich, weil ich jeden Tag dasselbe Kleid tragen musste. Aber ich habe einfach nicht hingehört." Überhaupt sei es eher die Generation der Eltern gewesen, die die Feindseligkeit der Bevölkerung zu spüren bekam. "Da wurde ganz klar nach Einheimischen und Flüchtlingen unterschieden", sagt Gentz. "Wir Kinder fanden schnell Freunde, da waren die Pinneberger unkompliziert."
Ganz andere Erfahrungen machte Jürgen Danöhl. Buchstäblich nur mit dem, was er am Leib trug, kam der gebürtige Königsberger am 15. April 1945 mit Mutter, Großvater und zwei seiner drei Geschwister in Pinneberg an. Nach einem halben Jahr auf der Flucht aus Ostpreußen. Nach Fußmärschen durch knietiefen Schnee, bei minus 20 Grad in Pillau. Wie durch ein Wunder hatte die ganze Familie den Untergang des von sowjetischen Torpedos getroffenen Lazarettschiffs "Wilhelm Gustloff" überlebt, bei der mehr als 8000 Flüchtlinge in der eiskalten Ostsee gestorben waren. "Wir haben an Deck gestanden, bis das Schiff unterging", erinnert sich Danöhl. Da war er neun Jahre alt.
Als das Rettungsschiff ihn in Saßnitz an Land setzte, trug er unter dem Lodenmantel nur noch Unterwäsche und ein Paar Stiefel. Alles andere war futsch, auch Geburtsurkunden und Familienfotos. Danöhl und seine Familie - der Vater befand sich in französischer Kriegsgefangenschaft - fingen buchstäblich von Null an. Die Aufnahme in Pinneberg erlebte er alles andere als herzlich. Sagen mag er dazu nichts, nur so viel: "Der Kontakt zu den Einheimischen war sehr schwer zu finden. Das änderte sich erst, als ich in die Lehre kam, als wir in Prisdorf ein Haus bauten und mein Vater Mitglied im Gemeinderat wurde. Ab da gehörten wir dazu."
Mehr zum Thema Flucht und Vertreibung erfahren Interessierte am Dienstag, 6. Dezember, bei einem Vortrag in Raum 347 der Pinneberger Volkshochschule, Am Rathaus 3. Ab 19.30 Uhr referiert Uwe Carstens über den Alltag der Menschen im besonders betroffenen Schleswig-Holstein, die sich nach 1945 mit dem extremen Wohnraummangel einrichten mussten. Der Eintritt kostet pro Person fünf Euro.
Hamburger Abendblatt, 03.12.2011
Panischer Aufbruch ins Ungewisse
von Mirjam Rüscher-Reher
PINNEBERG. Sie waren in Panik. Keine Zeit. Alles musste schnell gehen. So griffen sie, was sie tragen konnten und ließen alles andere zurück. Flüchtlinge. Vertriebene. Sie strandeten überall in Schleswig-Holstein. Im Chaos des Zusammenbruchs trafen die Menschen aus Ostpreußen, Ost Pommern und anderen Ostgebieten 1945 in den Besatzungszonen ein. Die Behörden wussten nicht, wo sie die Menschen unterbringen und wie sie sie versorgen sollten. Bereits im November 1945 waren in Schleswig-Holstein insgesamt 950 556 Flüchtlinge und Vertriebene verzeichnet.
Einwohnerzahl verdoppelt sich
1950 waren im Kreis Pinneberg fast 50 Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge. Allein in Pinneberg verdoppelte sich die Einwohnerzahl von 13 000 auf etwa 25 000. Karten, Statistiken und vor allem Einzelschicksale erzählen im Pinneberger Stadtmuseum ab Sonnabend, 3. Dezember, die Geschichte von Flucht und Vertreibung. Die Ausstellung "Alles zurückgelassen" zeichnet ein Bild von der damaligen Situation.
Zitate prangen an den Wänden. Erinnerungsstücke mit Geschichten dazu liegen in den Vitrinen. Bilder, Dokumente und Erlebnisberichte von 35 Zeitzeugen prägen die Ausstellung. "Es wurde ganz bewusst kein historischer Abriss der Nachkriegszeit gegeben. Stattdessen kommen die Zeitzeugen selbst zu Wort", berichtet Museumsleiterin Ina Duggen-Below. Gemeinsam mit Historikerin Janine Dressler konzipierte sie die Schau.
Ein Kochbuch, Brot und Salz, eine Standuhr im Rucksack, ein Elchgeweih - was die Menschen mitgenommen haben, zeuge davon, wie konfus die Situation damals war, erklärt Dressler. In einer Vitrine liegt ein Schlüsselbund. "Das ist ganz typisch. Die Menschen haben alle Schänke und Türen abgeschlossen, in der Hoffnung sie kommen zurück", berichtet Dressler. Sie hat mit den Zeitzeugen gesprochen, sie interviewt. Die Geschichten der Flüchtenden und Vertriebenen - einige hätten bis heute gebraucht, um sie erzählen zu können. Zu grausam seien die Erlebnisse gewesen. Bis heute betonen die Zeitzeugen: Zwischen Heimat und Zuhause gibt es einen großen Unterschied.
Pinneberger Tageblatt, 30. November 2011
Alles zurückgelassen …
Flucht und Vertreibung nach 1945
Nach dem zweiten Weltkrieg haben 14 Millionen Deutsche ihre Heimat verloren, 2 Millionen kamen bei Flucht und Vertreibung ums Leben und Deutschland verlor ein Viertel seines Territoriums.
Schleswig-Holstein ist neben Niedersachsen und Bayern eines jener Bundesländer, die sich mit der Aufnahme von Massen von Flüchtlingen konfrontiert sahen. Die Flüchtlinge, in Schleswig-Holstein hauptsächlich aus Ostpreußen und Ost Pommern, aber auch aus anderen Ostgebieten, trafen im allgemeinen Chaos des Zusammenbruchs in den Besatzungszonen ein und die Behörden wussten nicht, wo sie die Menschen unterbringen und wie sie sie versorgen sollten.
Bereits im November 1945 waren in Schleswig-Holstein insgesamt 950 556 Flüchtlinge und Vertriebene verzeichnet, die Zahl stieg bis zum Juni 1946 auf 1195 078.
Auch die Behörden des Kreises Pinneberg waren mit der äußerst schwierigen Lage überfordert, wie in dem Bericht des damals zuständigen Landrates und späteren Flüchtlingsministers Schleswig-Holstein, Walter Damm, deutlich wird: “Wir können Härten heute noch nicht ausgleichen, weil schon in den nächsten Tagen durch neue Transporte alle Vorbereitungen wieder über den Haufen geworfen werden können. Wir haben augenblicklich noch 2000 Flüchtlinge in Sammellagern liegen; in der nächsten Woche kommt ein Zug mit 1500 und in der anderen Woche einer mit 1000 neuen Flüchtlingen, das sind insgesamt 4500, die noch untergebracht werden müssen.“
Im Juni 1946 waren im Kreis Pinneberg von 179 873 Lebensmittelkartenempfängern 83 573 Flüchtlinge.
Für die Stadt Pinneberg bedeutete der Flüchtlingszustrom etwa eine Verdoppelung der Bevölkerung, von 13 000 im Jahre 1939 bis auf rund 25 000 im Jahre 1948.
Die Ausstellung gibt ganz bewusst keinen historischen Abriss der Nachkriegszeit, sondern lässt in zahlreichen Erlebnisberichten und Zitaten die Zeitzeugen selbst zu Worte kommen. An der Ausstellung sind ca. 35 Flüchtlinge und Vertriebene beteiligt, die nicht nur ihre ganz persönlichen Erlebnisse beigetragen haben, sondern diese auch durch Gegenstände, die sie auf der Flucht begleitet haben, dokumentieren.
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