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„Kampf gegen Sittenlosigkeit und Sozialdemokratie“
Historie der Pinneberger Arbeiterbewegung bis 1914
Von Johannes Seifert

Am 19. März 1865 entstand in Pinneberg die erste holsteinische Gemeinde des lasalleanischen sozialdemokratischen Arbeitervereins. Schon bald tat sich in Pinneberg und Umgebung der Tischler und spätere Schankwirt Heinrich Fahl als „Motor“ der schnell wachsenden „Gemeinde“ hervor. Die Arbeiter forderten zum einen die Verbesserung ihrer unmittelbaren Lebensbedingungen ("Lösung der socialen Frage durch freie Arbeiter Associationen mit Staatshülfe"), zum anderen die Teilhabe am politischen Geschehen ("Einführung des allgemeinen gleichen und directen Wahlrechts mit geheimer Abstimmung").
Die Wahlen zum neu gegründeten Reichstag des Norddeutschen Bundes 1867 waren die erste Station einer lang andauernden politischen Auseinandersetzung. Bei beiden Wahlen desJahres 1867 erhielten die Lasalleaner Bruhn und Audorf die meisten Stimmen in Pinneberg. Nach der Reichsgründung 1871 brachte fast jede Reichstagswahl ein Ansteigen der sozialdemokratischen Stimmen, bis 1890 Hermann Molkenbuhr den sechsten schleswig-holsteinischen Wahlkreis, der von Ottensen bis Glückstadt reichte, zum ersten Mal für die SPD gewann.
Bis dahin war es ein langer Weg. Zunächst gab es unterschiedlichste Meinungen und wenig Erfahrungen. Erste Gewerkschaften entstanden in Pinneberg 1869: der Gewerkverein deutscher Holzarbeiter und der Allgemeine deutsche Metallarbeiter-Verein. Nachdem im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1 das Union-Eisenwerk einen ungeahnten Aufschwung genommen hatte, beklagten sich die Arbeiter des Werkes, dass „hier im lieben Pinneberg ... ein teures Dasein“ sei: „Die Gartenfrüchte als Lebensproducte sind auf dem Hamburger Hopfenmarkt bedeutend billiger als hier, ferner die Miethe hoch gestellt, Abgaben, namentlich Schulgeld und Fleckenskosten von Jahr zu Jahr immer mehr, das liebe Armengeld recht oft doppelt.. .„ Zahlreiche Arbeiter wohnten in den umliegenden Landgemeinden, weil sie sich dort selbst mit Lebensmitteln versorgen konnten.
1875 vertrat Fahl Pinneberg und Umgegend auf dem Vereinigungsparteitag der Sozialdemokraten in Gotha. Das „Sozialistengesetz“ schränkte 1878 die Wirkungsmöglichkeiten der SPD stark ein und wurde 1880 durch die Ausrufung des kleinen Belagerungszustandes in Hamburg und Umgebung weiter verschärft. Zahlreiche Sozialdemokraten wurden ausgewiesen, viele von ihnen wanderten in die USA aus. Außer dem Tischler Rehm sollte auch der mittlerweile todkranke Fahl Pinneberg verlassen, wurde aber angesichts seines schlechten Gesundheitszustandes begnadigt. Das Sozialistengesetz erwies sich als völliger Fehlschlag und noch vor seinem Ende hatten die Sozialdemokraten auch den Pinneberger Reichstagswahlkreis gewonnen.
Den frühen großen Zuspruch der Pinneberger (Frauen durften am politischen Leben nicht teilnehmen) für die Sozialdemokratie erklärte Landrat Voerster 1878 dem Regierungspräsidium in Schleswig damit, dass „durch die unter der vormaligen Herrschaft viele Jahre lang unausgesetzt gegen die Regierung angestrengte Agitation der Bevölkerung das Bewusstsein der Autorität fast gänzlich entfremdet und der religiös-sittliche Halt in den ausschweifenden Belustigungen verloren gegangen wäre...“
Nach dem Ende des Sozialistengesetzes 1890 gründeten sich in und um Pinneberg immer mehr sozialdemokratische Organisationen. Der Socialdemokratische Verein für Pinneberg und Umgegend musste seine Mitgliederliste bei der Polizei auf dem neuesten Stand halten. Als Landrat Scheiff im Januar 1896 Mitgliederverzeichnisse von SPD und Liedertafel bei der Pinneberger Polizei anforderte, stieß Polizist Engel auf Hindernisse: „Der Vorstand vom Verein der Liedertafel Vorwärts, Maurer E. König, verweigert die Ausfertigung eines Mitgliederverzeichnisses. Er führt an, dass der Verein kein politischer sei, und er erst wissen will, zu welchem Zweck er das Verzeichnis ausstellen soll.“ Jedermann in Pinneberg wusste, dass in der Liedertafel „Vorwärts“ nur Sozialdemokraten sangen und wohl auch „politisierten“.
Um diese Zeit stand den Sozialdemokraten nur ein Lokal in Pinneberg offen; die Zentralhalle an der Ecke Bahnhofstraße/Fahltskamp. Hier traf sich das 1899 gegründete örtliche Gewerkschaftskartell, hier wurde der Arbeiterturnverein gegründet, hier fanden die Versammlungen mit den Pinneberger sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Hermann Molkenbuhr und Adolf v. Elm statt.
Schon früh versuchten die Arbeiter, Einfluss auf die Kommunalpolitik zu nehmen. Aber nur Bürger ab einem bestimmten Einkommen, Hausbesitzer und besser gestellte Gewerbetreibende wurden als wahlberechtigt in die Bürgerrolle aufgenommen. Drohte sozialdemokratischer Einfluss, setzte die Stadtvertretung kurzerhand die Einkommensgrenze für das Wahlrecht hoch, wie beim „Wahlrechtsraub“ von 1905 und noch einmal 1911. Außerdem fanden diese Kommunalwahlen öffentlich und zur Arbeitszeit statt.
Die immer größer werdende Zahl der Arbeiter, von denen einige auch besser verdienten, insbesondere auch die Eingemeindung Pinnebergerdorfs, das zu zwei Dritteln sozialdemokratisch wählte, ließen die Chancen der SPD steigen. Ab 1909 vertraten der Uhrmacher Heinrich Brandt, der Krämer Ernst Fliegner und der Schuhmacher August Voß die Pinneberger Arbeiter im Stadtparlament.
Bezeichnend für das Verhältnis von Arbeiterbewegung und kaiserlichem Obrigkeits-Staat war der von Landrat Dr. Scheiff angestrengte „Kampf gegen Sittenlosigkeit und Sozialdemokratie“, der im Jahre 1900 beim Streit um die „Vereinslustbarkeiten“ seinen Höhepunkt fand. Die Pinneberger Gastwirte und mit ihnen viele Gewerbetreibende sahen in Scheiffs Veranstaltungsverboten eine Gefährdung ihrer Einnahmen und protestierten beim Regierungspräsidium, auch die Stadtvertretung distanzierte sich von Scheiff. Mittlerweile waren die Ausflüge der mitgliederstarken Hamburger Sozialdemokratie für Pinneberg ein Wirtschaftsfaktor geworden, den zu pflegen auch Bürgermeister Kosack für notwendig erachtete. Für die Arbeiterbewegung, entstanden aus der Gegenwehr der Entrechteten, begann der Weg in die Mitte der Gesellschaft, der 1914 mit der Bewilligung der Kriegskredite endete.

Chronologie: Arbeiterbewegung in Pinneberg

19.3.1865 Gründung einer „Gemeinde“ des ADAV in Pinneberg – der ersten in Holstein - durch den Altonaer Sozialdemokraten Carl Bruhn. In diese Gemeinde haben sich schon bald über 130 Mitglieder aus Pinneberg und Umgegend eingeschrieben.
Oberste politische Ziele sind Gleichberechtigung und das gleiche, geheime, direkte Wahlrecht. Führender Kopf ist der Tischler und Schankwirt Heinrich Fahl.

1867 Bei den Wahlen zum konstituierenden und zum ordentlichen Reichstag des Norddeutschen Bundes erringen die Lasalleaner Bruhn und Audorf in Pinneberg jeweils die meisten Stimmen.

1869 Erste Gewerkschaftsgründungen in Pinneberg: Allgem. Deut. Metallarbeiterverein, Gewerkverein Deutscher Holzarbeiter unter Heinrich Fahl.

1875 Heinrich Fahl ist Delegierter für den Vereinigungskongress der deutschen Sozialdemokratie in Gotha.

1878 Verbot sozialdemokratischer Organisationen und Zeitungen durch das Sozialistengesetz.

1880 Verhängung des kleinen Belagerungszustandes auch über Pinneberg, Ausweisung der Sozialdemokraten Rehm und Fahl. Da Fahl todkrank ist, wird die Ausweisung nicht exekutiert.

1890 Trotz Sozialistengesetz gewinnt Hermann Molkenbuhr den 6. schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkreis für die SPD. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes in Pinneberg Gründung eines Arbeiterbildungsvereines. Landrat Dr. Scheiff nimmt seinen bis zur Absetzung durch den Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat 1918 andauernden Kampf gegen Sittenlosigkeit und Sozialdemokratie auf.

1891- ca. 1900 Zentralhalle Ecke Bahnhofstraße/Fahltskamp einziges für Sozialdemokraten offenes Lokal



1892 Gründung Liedertafel „Vorwärts“

1894 Gründung des Sozialdemokratischen Vereins für Pinneberg und Umgegend (55 Mitglieder), der aber wegen des undemokratischen preußischen Vereinsgesetzes zunächst öffentlich nicht in Erscheinung treten darf. Adolf v. Elm gewinnt den 6. Wahlkreis erneut für die SPD.

1895 In Pinneberg sind 6 Gewerkschaften aktiv, in Klammern die Zahl der Mitglieder:
Verband der Schneider (13)
Verband der Zimmerleute (32)
Verband der Maurer (25)
Verband deutscher Metallarbeiter (11)
Verband der Fabrik-, Land- und Hilfsarbeiter (45)
Verband deutscher Holzarbeiter (16)

1899 Gründung des Ortskartells der Gewerkschaften
Gründung „Freie Turnerschaft Pinneberg“

1901 Gründung Arbeiterathletenclub „Doppeleiche“


v.l.: Ernst Fliegner, Johannes Knaack, Johannes v.d. Heide, führende Pinneberger Sozialdemokraten um 1900

1902 Ernst Fliegner erster sozialdemokratischer Stadtverordneter (nur besser gestellte Bürger durften bei der Kommunalwahl ihre Stimme abgeben).

1905 Der sozialdemokratische Verein wird jetzt Ortsverein des Sozialdemokratischen Zentralvereins für den 6. schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkreis. Vorsitzender 1906: Johannes Knaack. 1910 431 SPD-Mitglieder und 650 Gewerkschaftsmitglieder.

1907 Die Verkaufsstelle des Konsumvereins eröffnet in der Dingstätte, Leiter: Richard Köhn.
1907 Hermann Wupperman jr. in seiner Dissertation über die Emailleindustrie: „Die Mehrzahl der Arbeiter gehört der sozialdemokratischen Partei an.“

1910 Mit Einführung der vollen Städteordnung vergrößern sich die städtischen Gremien. Trotz Zensuswahlrecht ziehen 3 Sozialdemokraten in die Stadtverordnung ein.

1911 Erneuter "Wahlrechtsraub", nachdem im November 1910 fast der vierte Sozialdemokrat in die Stadtvertretung eingezogen wäre. Nach dem Tod Heinrich Brandts 1912 nur noch August Voß als einziger sozialdemokratischer Stadtvertreter.

1914 Rüstungsproduktion in Pinneberger Betrieben und Burgfriedenspolitik von Gewerkschaften und Sozialdemokraten.

1917 greifen Hungerunruhen von Hamburg auf Pinneberg über.

Pinneberger Tageblatt, 7.11.1918 und 16.1.1919

1918 Bei Kriegsende übernimmt ein Arbeiter- und Soldatenrat die Macht in Pinneberg. Der Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat setzt den Pinneberger Landrat Dr. Scheiff ab. Ab 15.12. Ernst Fliegner Vorsitzender des Vollzugsausschusses der Arbeiter- und Soldatenräte des Kreises Pinneberg.
Der 8-Stunden-Tag wird in den Betrieben eingeführt.

1919 Bei der ersten demokratischen Kommunalwahl – auch Frauen dürfen jetzt wählen – entfallen auf: SPD 14 Sitze, USPD 1 Sitz, Bürgerliche 9 Sitze. Der sozialdemokratische Landrat Gustav Niendorf leitet die Kreisverwaltung.


Erst nach 1918 möglich: Eduard Schweiger mit Mädchengruppe des Arbeiterturnvereins

1920 Die Pinneberger Arbeiter beteiligen sich am Generalstreik gegen den Kapp-Putsch. Der Vorsitzende des Arbeitgeber-Vereins, Herr Metzger, handelt mit den Gewerkschaften die Bezahlung des Streiks aus.

1923 Inflation

1924 Der Bürgerblock gewinnt wieder die Mehrheit in der Ratsversammlung, die KPD stellt 3 Vertreter.

1929 Weltwirtschaftskrise

1931 Wupperman, Leppien u.a. stellen die Produktion ein.


1932: Aufmarsch der Arbeitersportler. Am Schuppen Parolen zur Reichspräsidentenwahl für Hitler und Thälmann.

1933 Die Nationalsozialisten erringen die Macht und zerschlagen die Organisationen der Arbeiterbewegung.


Diese drei ehemaligen Pinneberger Stadtverordneten wurden Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: Heinrich Geick (KPD), Heinrich Boschen und Wilhelm Schmitt (SPD). An sie erinnert der Gedenkstein vor dem Rathaus.


1. Mai 1949: Maikundgebung neben dem Rathaus an der Lindenstraße.