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1995

Kulturgeschichte aus dem Familienalbum
4. Mai – 17. Juni 1995

 

Kulturgeschichte aus dem Familienalbum


nb Pinneberg — Das „Jubiläum“ wurde gerade noch verhindert. „Zehn Jahre kein Museum“, so bemerkte die Pinneberger Heimatbund - Vorsitzende Wiebke Rudolph, das wäre wahrhaftig kein Grund zum Feiern gewesen. Statt dessen konnte nun auf die Eröffnung des Pinneberger Stadtmuseums angestoßen werden. Nach zähem Ringen - vor allem um die Finanzierung - entstanden im alten Amtsgericht stilvolle Ausstellungsräume.
Mit einer kleinen, aber feinen Schau wurde der neue Hort für alte Dinge eingeweiht. „Kulturgeschichte aus dem Familienalbum“ wird dort bis zum 17. Juni präsentiert. An Schautafeln und in Vitrinen sind Bilder und Alltagsgegenstände zu sehen, die zum größten Teil aus dem Fundus von Pinneberger Bürgern stammen. „Milliardenschwere“ Banknoten aus der Inflationszeit gehören ebenso dazu wie Schallplatten aus den 50er Jahren.
Besondere Aufmerksamkeit wurde der Geschichte der Fotografie gewidmet. Neben einer historischen Kamera sind bis zu 100 Jahre alte Familienaufnahmen zu sehen. Doch warum blickten die Porträtierten damals nur immer so streng in die Linse? Bürgermeister Jan Nevermann hatte es sich erklären lassen. Aufgrund der langen Belichtungszeiten waren die Motive zu minutenlangem Stillstehen verdonnert, erläuterte er, da mußte ihnen ja das Lächeln vergehen.
„Das Foto war ein Kunstwerk“, ergänzte Museumsleiterin Ina Duggen. Die Aufnahme galt im Gegensatz zu heutigen Schnappschüssen als feierlicher Moment. Vergleiche zwischen alter und neuer Technik sind im Stadtmuseum montags bis freitags von 17 bis 19 Uhr sowie sonnabends von 10 bis 13 Uhr möglich.
An der Ausstattung beteiligten sich außer Stadt und Heimatbund auch Mitglieder der Geschichtswerkstatt und der Seniorengruppe im Geschwister Scholl-Haus sowie junge Besucher des Jugendzentrums. Ehrenamtliche Hilfe ist nötig. Daher nutzte Wiebke Rudolph die Eröffnung, um weitere Aufsichtskräfte zu rekrutieren.

Pinneberger Zeitung, 6.5.1995

 

1996

Arztzimmer als Gesamtkunstwerk

Ausstellung zum 88. Geburtstag von Rudolf Grothkop – Bilder, Bohrer und Behandlungsstuhl gestiftet

Die schwindende Kraft seiner Augen hat ihm ganz neue Sehweise eröffnet. Die jüngsten Bilder des Pinneberger Künstlers und Zahnarztes Rudolf Grothkop sind abstrakter, jedoch viel farbenfroher und kontrastreicher.

Von Peter Schweinberger

Pinneberg. Wer Geburtstag feiert, der erhält meist Geschenke. Rudolf Grothkop, einer des bekanntesten Künstler aus der Kreisstadt, hat jedoch dem Stadtmuseum einen Teil seines beruflichen und kreativen Lebenswerks vermacht. Anläßlich seines 88. Geburtstags am 4. Februar werden etwa 55 Bilder sowie Einrichtungsgegenstände seiner Zahnarztpraxis, darunter auch ein uralter Behandlungsstuhl, im Alten Amtsgericht präsentiert. Die Ausstellung wird am morgigen Sonntag um 11 Uhr eröffnet.
Doch Grothkop selbst kann nicht dabei sein, da er nach zwei Operationen noch das Krankenhausbett hüten muß. Eine Einführung in Leben und Werk Grothkops wird daher Peter Widderich aus Stade, ein persönlicher Freund des Künstlers, geben. „Wir werden die Ausstellungseröffnung ganz in Grothkops Sinne halten", sagte gestern Museumsleiterin Ina Duggen: „Kurz und knapp!“ Der Künstler werde in Form von zwei Selbstporträts vertreten sein.
Besonders freut sich lna Duggen, daß es ihr gelungen ist, für diese Ausstellung einen 36seitigen Katalog in einer Auflage von 300 Exemplaren drucken zu lassen. Er wird gegen eine Schutzgebühr von 15 Mark abgegeben
Die Leihgaben und geschenkten Bilder Grothkops hat die Museumsleiterin in drei Bereiche gegliedert. Ein Raum ist den Werken der 70er, 80er und 90er Jahre vorbehalten. Sie verdeutlichen auch die jüngste künstlerische Entwicklung. In einer anderen Gruppe findet sich eine kleine Auswahl Hunderter von Patientenbildern. Besonderes Interesse dürfte jedoch das nachgestellte, urtümliche Behandlungszimmer aus der Zeit um die Jahrhundertwende finden, das auch Grothkop auf ungezählten Ölbildern und Zeichnungen für die Nachwelt erhielt. In der Kreisstadt praktizierte der in Pinneberg geborene Zahnarzt in dritter Generation. Es entstand eine Wechselbeziehung zwischen Dentistentätigkeit und Kunst, aus der kein Bereich herauszutrennen ist. "Dieses innige Verhältnis möchte ich widerspiegeln“, sagte lna Duggen: „So bekommt der Betrachter den Eindruck dieses Gesamtkunstwerks.‘
Als Maler ist Grothkop Autodidakt. Durch zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen errang er schnell die Anerkennung von Künstlerkollegen und Kritikern. Er hob den Küstlerbund des Kreises Steinburg im Jahr 1946 mit aus der Taufe und ist von Anfang an Mitglied der Pinneberger Künstlergilde. Künstlerische Einflüsse übten die gemeinsame Arbeit mit Arnold Fiedler und Herbert Spangenberg sowie die Kontakte mit Fritz Flinte, Karl Kluth und den Malern der „Hamburger Sezession“ auf den Pinneberger Arzt aus.
Die Ausstellung „Grothkop“ ist bis einschließlich 27. April im Alten Amtsgericht neben der Landdrostei zu sehen. Sie ist dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr sowie sonnabends von
11 bis 13 Uhr geöffnet.

Pinneberger Tageblatt, 3.2.1996

Hinter den Kulissen einer Ballettschule
„stern“-Fotograf Volker Krämer dokumentiert Aufführungen und Probenarbeit

Pinneberg (ra). Wer sich für Fotografie interessiert, der kommt an der jetzt im Alten Amtsgericht eröffneten Ausstellung des „stern “-Mitarbeiters Volker Krämer nicht vorbei. Anlaß der Bilderschau ist das 20jährige Bestehen der Pinneberger Ballettschule Geigenberger, deren Werdegang von Krämer seit 1983 intensiv verfolgt wurde - schließlich ist seine Ehefrau Josephine eine der Leiterinnen der Einrichtung.
Gezeigt werden 35 Exponate, die alle wichtigen Aufführungen der Ballettschule umfassen, aber auch Einblicke in die anstrengende Probenarbeit gewähren. So interessant wie die Ausstellung ist auch der Werdegang Volker Krämers. Weil seine Eltern mit einer Ausbildung zum Fotografen nicht einverstanden waren, absolvierte der heute 53jährige eine Ausbildung als Verlagskaufmann. Der Einmarsch der Russen im April 1968 in Prag bedeutete auch für Krämer einen Wendepunkt. Er weilte zu dieser Zeit privat in dieser Stadt, erlebte die blutige Niederschlagung des sogenannten Prager Frühlings hautnah mit - und dokumentierte die Ereignisse mit seiner Kamera. Seine Bilder gingen um die Welt, der Kontakt zum „stern“ entstand. Für diese Zeitschrift reist Krämer seit nunmehr 25 Jahren kreuz und quer um den Erdball — auf der Spur von Polit-Reportagen und Reiseberichten. „Um so bemerkenswerter ist es, daß Sie Zeit gefunden haben, die Geschichte der Pinneberger Ballettschule zu dokumentieren“, betonte die Künstlerin Inken N. Woldsen in ihrer Ansprache zur Ausstellungseröffnung. Die Bilderschau von Krämer, der unter anderem mit dem „world-press-photo“ in Den Haag ausgezeichnet wurde, ist bis zum 22. Juni dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr und sonnabends von 11 bis 13 Uhr im Alten Amtsgericht zu sehen.

Pinneberger Tageblatt

Trauerfeier für ermordeten Pinneberger

fs Pinneberg — Für den im Kosovo erschossenen „Stern“Fotografen Volker Krämer findet am 23. Juni in der Hamburger Hauptkirche St. Nicolai eine Trauerfeier statt. In Pinneberg, wo der 56jährige wohnte, engagierte sich Krämer seit vielen Jahren für die Ballettschule Geigenberger, bei der seine Frau Josephine als Tanzpädagogin tätig ist. Vor drei Jahren war im Pinneberger Stadtmuseum eine Ausstellung mit Fotografien Krämers über das Thema „Ballettszenen“ zu sehen. Der gebürtige Rheinländer hinterläßt außer seiner Ehefrau die beiden erwachsenen Kinder Lucy (24) und Felix (27).
Im Jahr 1968 war Volker Krämer mit Fotos vom Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei bekannt geworden. Seitdem arbeitete er auch für den „Stern“. Er berichtete unter anderem aus Kasachstan, Südafrika und dem Eritrea-Krieg.

Pinneberger Zeitung, 18.6.1999

Schulgeschichte in Pinneberg
3. Sept. – 2. Nov. 1996

Der Rohrstock liegt griffbereit auf dem Pult
Im Stadtmuseum zu erleben: Schule in der guten alten Zeit

Pinneberger Zeitung, 3.9.1996

dh Pinneberg - In weißen Kreidebuchstaben prangt es auf der großen schwarzen Schultafel:
„Herzlich willkommen!“ Doch sowohl die strenge Sütterlin-Schrift als auch der gefürchtete Rohrstock auf dem Katheder des Lehrers vermitteln eine Ahnung davon, daß es im Schulunterricht der „guten alten Zeit“ auch alles andere als herzlich zugehen konnte.
Das Klassenzimmer einer typischen einklassigen Landschule - komplett mit unbequemen Original-Sitzbänken, Griffeln, Tintenfässern und dem obligatorischen Kaiserbild an der Wand - bildet den Mittelpunkt einer Ausstellung, die ab heute im Stadtmuseum Pinneberg zu sehen ist.
Jede Menge Dokumente, Exponate und Schulmöbel aus der mehr als 200 Jahre alten Schulgeschichte Pinnebergs haben Museumsleiterin Ina Duggen und ihre ehrenamtlichen Helfer zusammengestellt. „Über 40 Pinneberger stellten uns Exponate aus ihren Privatarchiven zur Verfügung“, zeigt sich die Museumsleiterin erfreut.
Alte Lederranzen, Schiffermützen der Gymnasiasten, Fibeln und natürlich auch Schulhefte, Klassenbücher, Zeugnisse und Abschlußarbeiten sind dabei. Außerdem wird die Geschichte einzelner Pinneberger Schulen übersichtlich dokumentiert.
Eine Vorstellung von den eisernen Grundlagen der Erziehung in früheren Zeiten vermitteln die Schautafeln „Pädagogische Anleitungen von 1752 bis 1902“. Schulmeisterliche Aufsätze mit bezeichnenden Titeln wie „Wann ist das Prügeln erfordert?“ (1752) oder „Strafen ist natürlich, Belohnung künstlich“ (1890) lassen dem Besucher unwillkürlich einen Schauer über den Rücken laufen.
Proben aus Schönschreib- und Handarbeitsunterricht, für den die Mädchen früher auf einen Teil ihrer Rechenstunden verzichten mußten, zeugen von Geduld und Disziplin, aber auch von der Monotonie des Unterrichts in früheren Zeiten.
Zusätzlich zu dieser Sonderausstellung zum Thema Schule, die bis zum 2. November gezeigt werden soll, ist ab sofort auch die teilweise fertig gestellte Dauerausstellung über die Geschichte Pinnebergs zu besichtigen, die im zweiten Stock des Alten Amtsgerichts untergebracht ist. Exponate und Tafeln veranschaulichen die Entwicklung von der Vor- und Frühgeschichte über die Epoche der Schauenburger Grafen bis hin zur Kaiserzeit.
Besonders reizvoll: ein Stadtplan-Modell, bei dem die Besucher mit Hilfe verschiebbarer transparenter Pläne die Zustände in verschiedenen Epochen vergleichen können. Beide Ausstellungen sind dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr und sonnabends von 11 bis 13 Uhr zu besichtigen.
Für Schüler der 3. bis 6. Klassen gibt es vom 23. September an ein spezielles museumspädagogisches Angebot: Sie können einen „Unterricht nach altem Stil“ in dem historischen Klassenzimmer erleben. Anmeldungen von Schulklassen nimmt die Museumsleitung unter der Telefonnummer 04101/207465 entgegen.

Der Biß in den Oberschenkel
„Schule damals“: Rentner kramten in ihren Erinnerungen

Plnneberg (st). „Also, meinen ersten Schultag erinnere ich noch wie heute.. .„ „Ach, und unseren Lehrer, wie haben wir den geliebt . . . „ Die rund 30 ehemaligen Schüler - hauptsächlich im Rentenalter - kamen bei der Lesung von vier Geschichten zum Thema „Schule damals“ am vergangenen Dienstag aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus.
Im Pinneberger Stadtmuseum zwängten sich die Pensionäre brav in alte Schulbänke, die dort zur Zeit Im Rahmen einer Sonderausstellung zur Schulgeschichte stehen. Trotz antiquiertem Mobiliar zeigten sich die älteren Herrschaften ganz und gar nicht angestaubt. Da wurde gemeinsam über vergangene Streiche gekichert und über heute kaum noch vorstellbaren Unterricht der Kopf geschüttelt.
Doch aus der Ausgelassenheit der junggebliebenen Senioren wurde auch oft betroffenes Schweigen. Der Krieg hatte ihre Schulzeit maßgeblich mitbestimmt.
Heinrich Wernicke (75), einer der Vortragenden und selber pensionierter Lehrer, berichtete über die Veränderungen in der Schule, die das Dritte Reich mit sich brachte. Klassenausflüge wurden zu Geländeübungen, Kleinkaliberschießen gehörte mit zur Leibeserziehung, und in Biologie wurde Rassenkunde gelehrt. „Ja, bei uns hat der Lehrer auch die Köpfe gemessen“ stimmte eine Dame gleich eifrig mit ein, ich war Irgendwas zwischen nordischer und westfälischer Rasse.“
Daß sich die Zeiten mittlerweile geändert haben, wird besonders an der damaligen Art zu Bestrafen deutlich: Die in Leipzig geborene Ingrid Krause (63) mußte mit ihrer Mutter einen Nachmittag ‘lang‘ Kartoffeln schälen, weil sie anstatt mit der ihr zugeteilten Mädchengruppe lieber mit Ihrer Familie in den Zoo gegangen war.
Verglichen mit anderen Strafen war dies jedoch eher harmlos: Das Zuschlagen mit der „Zimtstange“ - dem Rohrstock - sorgte oft genug für geschwollene Hände und Hosenböden erzeugte aber auch Gegenwehr. Wie ein älterer Herr aus dem Publikum berichtet, habe ein Lehrer einen Mitschüler verprügeln wollen und ihn, um ihn „besser ihm Griff zu haben“, zwischen die Knie geklemmt. Mit einem herzhaften Biß in den Oberschenkel des Pädagogen konnte sich der Knabe die-ses Mal jedoch vor Strafe retten und sich in unerwartetem Ruhm sonnen, denn „fortan war er der Held von Pinneberg“.

Pinneberger Tageblatt, 18.10.1996

Karikatur & Co.
17. Dez. 1996 – 1. Febr 1997

 

Kostbarkeiten der Karikatur- Geschichte

Ausstellung im Stadtmuseum zeigt auch bizarre Comics
Anschauen, bevor es wieder im Archiv verschwindet: Die deutsche Erstausgabe von „Grandville‘s Bilder aus dein Staats- und Familienleben der Thiere“ kann noch bis Februar im Stadtmuseum besichtigt werden.

Von Berthold Wagner

Pinneberg. Einen Überblick über die Entwicklung von den Anfängen der politischen Karikatur Mitte des vergangenen Jahrhunderts bis zu den modernen Comics unserer Zeit verschafft die gestern im Pinneberger Stadtmuseum eröffnete Ausstellung „Karikatur & Co.“. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Präsentation einer Erstausgabe von „Grandville‘s Bilder aus dem Staats- und Familienleben der Thiere‘. Ein Exemplar dieser 1846 in Leipzig erschienenen Schrift hatte Ina Duggen im Bestand des Museums entdeckt (wir berichteten)
„Die 150 Jahre alte Kostbarkeit muß dringend restauriert und gebunden werden‘, erklärte die Kunsthistorikerin und Leiterin des Stadtmuseums: „Danach wird es aus konservatorischen Gründen keine Präsentation mehr geben.“ Wer sich von der bissigen Satire des 1803 in Nancv geborenen französischen Karikaturisten und Illustrators überzeugen möchte, muß also bis einschließlich 1. Februar das Stadtmuseum besucht haben.
Grandvilles in den Lithographien dargestellte Transformationen von Mensch und Tier schildern - gleichnishaft verkleidet - die gesellschaftliche Situation Frankreichs zur Zeit der Juli-Monarchie (1830 - 1848). „Ein äußerst kritisches und politisches Buch“, wie Ina Duggen erläuterte. Schon vorher hatte der Künstler als Illustrator satirischer Zeitschriften mit Schärfe und Aggressivität gegen die Staatsgewalt und ihre Institutionen gekämpft.
Zu sehen sind allerdings auch Schöpfungen von Zeichnern, deren Werk von Grandville beeinflußt wurde, wie etwa das von Wilhelm Busch. Dieser wiederum wird in der Ausstellung als Wegbereiter des Comics bezeichnet. 1897 forderte ein New Yorker Verleger vom Zeichner Rudolph Dirks, "something like Max und Moritz“ zu kreieren. Heraus kam der erste amerikanische Comic, „The Katzenjammer-Kids‘.
Die Übersicht über diese Entwicklung führt bis zu deutschen Independent-Comics der Gegenwart. „Unabhängig von den großen Verlagen werden hier künstlerisch ambitionierte Comics mit autobiographischen Inhalten produziert“, erklärte Thomas Wittke von der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung. „Unangenehm“, eine Schöpfung von Studenten des Instituts, wird als Beispiel dafür nicht nur ausgestellt. Sie kann von Liebhabern bizarren Humors auch käuflich erworben werden.
Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr, sonnabends von 11 bis 13 Uhr.

Pinneberger Tageblatt, 16.12.1996

 

1997

“denn sie wußten, was sie taten”
von der Gruppe u.w.a.g.a

2. März – 5. April 97

 

Denkanstöße statt Heldinnenverehrung

Zum Start der Frauen-Aktionswochen: Ministerin eröffnet Austeilung im Museum

Pinneberg (bw). Mut, Willenskraft oder Eigensinn zeichneten diese Frauen aus — und manchmal auch alle drei Charaktereigenschaften zusammen. Ob Entfaltung der eigenen Persönlichkeit oder Verfolgung eines übergeordneten Ziels: Konzentriert und konsequent gingen sie ihren eigenen Weg -„denn sie wußten, was sie taten“. Dieses Motto, titelgebend auch für die Pinneberger Veranstaltungsreihe zum Internationalen Frauentag, ist der Name einer sehenswerten Ausstellung, die gestern im Stadtmuseum in Anwesenheit der Kieler Ministerin für Frauen, Jugend, Städte- und Wohnungsbau, Angelika Birk (Grüne), eröffnet wurde.
Auf 13 großformatigen Triptychen (dreiteiligen (Altar-)Bildern) sind im Alten Amtsgericht an der Dingstätte weibliche Persönlichkeiten aus Geschichte und Mystik dargestellt, die dem gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbild der Frau in keiner Hinsicht entsprachen, und die mit ihren Worten und Taten auf den heftigsten Widerstand ihrer patriarchalisch geprägten Umwelt stießen.
„Eine in jeder Beziehung höchst denkwürdige Ausstellung“, lobte Angelika Birk. Eigentlich stünde die Sammlung in einem merkwürdigen Kontrast zu den Vorstellungen, mit denen die Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre aufgebrochen sei. Historie wäre dort nicht mystisch betrachtet worden, sondern eher gemäß dem Motto „Geschichte wird gemacht“.
„Doch hier sehen wir keine Heldinnenverehrung analog der Geschichte großer Männer“, betonte die Ministerin. Es handele sich vielmehr um eine subjektive Annäherung an und Würdigung von Personen, die damals weitestgehend isoliert waren und auch heute einen schweren Stand hätten. „Eine Chance und Anregung für junge Mädchen und Frauen, sich selbst darzustellen und ihr eigenes Bild von sich zu finden“, hofft Angelika Birk.
150 Biographien berühmter Frauen hatten Katarzyna Jone, Brigitte Kemka und Wolfgang Siesig von der Braunschweiger Künstlergruppe „u.w.a.g.a.“ studiert. „Als Modelle für die übriggebliebenen 13 Personell dienten uns Kommilitoninnen und ganz fremde Frauen, die wir zum Teil auf der Straße ansprachen“, berichtete Brigitte Kemka. Eingerahmt von symbolischen Inhalten aus dem Lebenslauf der Dargestellten, laden die Porträts nun zur Phantasie- und Assoziationsentfaltung ein.
Angelika Birk bewunderte die Darstellung von Marie Curie, Pinnebergs Bürgermeister Horst-Werner Nitt zeigte sich von der als Mörderin hingerichteten Gesche Gottfried fasziniert. Museumsleiterin Ina Duggen fiel die Entscheidung angesichts der Fülle der großartigen Arbeiten recht schwer.
Die Ausstellung bleibt bis zum 5. April im Stadtmuseum aufgebaut.

Pinneberger Tageblatt, 3.3.1997

 

Fidde Biehl
Schleswig-Holstein in Bild und Schrift

25. August – 4. Okt. 1997

 

Große Homage an Fidde Biehl

150 Gäste bei der Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum/ 120 Kreationen des Künstlers zu besichtigen

Die Ausstellung „Schleswig-Holstein in Bild und Schrift“ ist noch bis zum 4. Oktober zu sehen. An der Eröffnung nahmen auch Sohn, Nichte und Schwiegersohn des 1972 verstorbenen Künstlers teil.

Von Thomas Krohn Pinneberg. Das Stadtmuseum platzte aus allen Nähten: Etwa 150 Besucher kamen gestern vormittag zur Eröffnung der Ausstellung von Werken Fidde Biehls - „Schleswig-Holstein in Bild und Schrift“. Museumsleiterin Ina Duggen begrüßte in den Räumen des alten Pinneberger Amtsgerichts unter anderem Bürgermeister Horst- Werner Nitt, dessen Amtsvorgänger Jan Nevermann sowie Pinnebergs Kulturamtsleiterin Trautchen Perrefort. Etliche Gäste waren aus Hamburg angereist, der Stadt, in der der Künstler bis zu seinem Tod im Jahr 1972 gelebt hatte.
Nach der musikalischen Einstimmung durch Susanne Meves-Rößeler und Thomas Rößeler, die auf ihren Violoncelli eine Sonate Boris Blachers interpretierten, erzählte Wiebke Rudolph, Vorsitzende des Pinneberger Ortsvereins der Schleswig-Holsteinischen Heimatbunds und Nichte Fidde Biehls, die Geschichte der Entstehung eines Portraits, das ihr Onkel gemalt hatte. Sie lud die Besucher dazu ein, sich bei der Betrachtung der Werke in die Gedankenwelt des Malers hineinzuverset-zen: „Versuchen Sie, den Künstler zu verstehen.“
Professor Böle Biehl, Sohn von Fidde Biehl, der mit richtigern Vornamen Friedrich-Wilhelm hieß, erinnerte sich an seine Kindheit: ,,Wir sind zwischen Aquarellen, Pinseln und Leinwänden aufgewachsen. Nach dem Tod des Vaters und dem Abriss des Elternhauses in Hamburg-Wellingsbüttel habe er damit begonnen, die in Kartons verpackten Bilder zu sortieren und aufzuarbeiten. Längst nicht alle Werke des Künstlers seien in Pinneberg ausgestellt. „Sie sehen hier sehr viel unwiderruflich Vergangenes, aber auch noch viel Gegenwärtiges“, so Biehl zu den Ausstellungsbesuchern. Großes Lob erhielt die Museumsleiterin: „Ohne die Hilfe Ina Duggens wäre die Ausstellung nicht zustande gekommen.“
Eine Kostprobe der humorvollen Seite des Künstlers gab der Schwiegersohn Biehls, Karl- Ulrich Meves. Der Hamburger Schauspieler las eine der zahlreichen plattdeutsche Geschichten Fidde Biehls - De Fleutenkeerl - vor und brachte die Zuhörer das eine ums andere Mal zum Schmunzeln.
120 Werke Fidde Biehls, darunter Ölgemälde, etliche Grafiken sowie einige Holz- und Linolschnitte, sind in den Räumen an der Dingstätte 25 ausgestellt. Viele frühe Kreationen des Künstlers, Bilder, in denen sich seine Leidenschaft für die Hallig Langeneß widerspiegelt und Werke, die in seiner Pinneberger und Hamburger Schaffenszeit entstanden sind, prägen den Charakter der Ausstellung, die noch bis zum 4. Oktober dauert. Das Stadtmuseum hat dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr sowie sonnabends von 11 bis 13 Uhr geöffnet.

Pinneberger Tageblatt, 25.8.1997

 

 

Mit Nadel und Faden
Arbeiten in Pinneberg
20. Nov. 1997 – 17. Jan. 1998

Pinneberger Schick für den Hochadel

„Mit Nadel und Faden“ — Ausstellung im Stadtmuseum

Pinneberger Zeitung, 21.10.1997

fs Pinneberg — Es ist noch gar nicht solange her — und doch können‘s sich viele heute schon gar nicht mehr vorstellen: Die Stadt Pinneberg war einmal ein wichtiger Standort für das Bekleidungshandwerk und die Textilindustrie. Wer das nicht glauben mag, der sollte in den kommenden Wochen die Ausstellung „Mit Nadel und Faden.. - Arbeiten in Pinneberg“ im Stadtmuseum (Altes Amtsgericht) besuchen. Dort hat Museumschefin Ina Duggen eine kleine, äußerst feine Ausstellung auf die Beine gestellt, die für Mode-Freaks und Heimatforscher gleichermaßen interessant sein dürfte.
Grundstock der Ausstellung bilden Teile aus dem umfangreichen Nachlaß der Firma Reifri in der Mühlenstraße. In dem 1924 in Hamburg gegründeten Unternehmen, das in den 40er Jahren nach Pinneberg verlegt wurde und das bis 1986 existierte, arbeiteten einst rund 200 Beschäftigte. Die Produkte made in Pinneberg wußte einst selbst der Hochadel zu schätzen — Queen-Schwester Margaret beispielsweise nannte einen soliden grünen Lodenmantel aus dem Hause Reifri ihr eigen.
1980 wurde das Unternehmen sogar zum offiziellen Ausrüster der deutschen Olympia-Mannschaft benannt — schade nur, daß die Deutschen dann gar nicht an den Spielen in Moskau teilnahmen!
Ein anderer Bereich der Ausstellung beschäftigt sich mit einem weiteren für die Stadtgeschichte wichtigen Betrieb: die Regenmantel-Firma Wille an der Bahnhofstraße, die mehr als 100 Jahre, nämlich von 1859 bis 1975, existierte.
Nicht 100 Jahre, aber mehr als 50 Jahren war Kurt Daniels als Schneider in Pinneberg aktiv. Der mittlerweile 77jähnge hat nicht nur Teile seiner Werkstatt, sondern auch seine persönlichen Erinnerungen für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Gute Erinnerungen hat Daniels beispielsweise an seine Hochzeit 1945, da mußte er sich nämlich einen Anzug leihen — als Schneider!
Die Vernissage beginnt am Sonntag um 11 Uhr. Bis zum 17. Januar kann die Schau dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr sowie sonnabends von 11 bis 13 Uhr besucht werden. Schulklassen können gesonderte Termine vereinbaren (04101/ 20 74 65).

 

Als Kleidung noch Kulturgut war
Stadtmuseum Pinneberg stellt traditionelles Handwerk vor

Marianne Meitzler, die Tochter von „Reifri“Gründer Fritz E. Reichelt, stellte die meisten Exponate für die Ausstellung zur Verfügung. Sie hatte als Kollektionsgestalterin im väterlichen Betrieb gearbeitet und Inventar sowie Modelle aufgehoben.

Von Berthold Wagner

Pinneberg. „Also, das wäre doch auch heute noch durchaus schick!“ Die vielen Besucher im Alten Amtsgericht begutachteten staunend die Textilien der Firma „Reifri“und studierten die großformatigen Werbefotos mit Beispielen aus den Kollektionen des ehemaligen Pinneberger Modeherstellers. Kaum jemand wollte wahrhaben, daß es sich bei diesen Modellen um Museumsstücke handeln sollte - und doch sind die Mäntel und Jacken Zeugen einer vergangenen Zeit. Indem Gebäude, das dem Stadtmuseum als Domizil dient, fand die Eröffnung der Ausstellung „Mit Nadel und Faden“ statt, mit der an eine Epoche erinnert wurde, als sich das Bekleidungsgewerbe noch einer besseren Konjunktur erfreute.
Einige Besucher verglichen mit gemischten Gefühlen die Exponate mit der eigenen Bekleidung. Der Niedergang der einheimischen Textilbranche, so verdeutlicht die Ausstellung, hängt vor allem mit der Verlagerung der Produktion ins Ausland und dem Überangebot zusammen. Die in Billiglohnländem hergestellte Kleidung beherrscht zunehmend den hiesigen Markt - die kritische Prüfung des Kaufverhaltens drängte sich da auf.
Monika Zeumer von der Gewerkschaft Textil und Bekleidung, die in ihrer Ansprache diese Entwicklung aufzeigte, bedauerte die Vereinheitlichung der heutigen Mode: „Ob sie sich heute in Paris, Stockholm oder sonst irgendeiner europäischen Großstadt aufhalten - die Leute tragen überall die gleichen T-Shirts.“ Verloren ginge damit auch ein Stück Persönlichkeit, denn Bekleidung sei immer ein Stück Kulturgut gewesen.
Mit dem Kapuzenmantel „Poesie“ oder dem Modell „Petula“, einem preisgekrönten Schnittmantel mit farbig unterlegtem Napoleonkragen, Manschetten und kammerbundartigem Gürtel mit farbigen Schnallenriegeln wäre so ein Identitätsverlust wohl niemals möglich gewesen - und noch weniger mit dem Lodenmantel „Ilona“, dessen edler Schnitt in den 70er Jahren sogar Prinzessin Margaret, Schwester der Queen, zum Kauf bewegt hatte.
Die Preisschilder dieser im Original gezeigten Modelle verrieten, daß sie auch für den „Normalverdiener“ erschwinglich waren, im Gegensatz zu den Maßanfertigungen des Schneidermeisters Kurt Daniel, dem „Letzten seiner Zunft“ in Pinneberg. Für einen von ihm in 38 Arbeitsstunden aus englischem Tuch angefertigten Anzug zahlten seine Stammkunden mehr als zwei Tausender.
Eine Schneiderwerkstatt mit den typischen Arbeitsgeräten, wie einem acht Kilo schwerem Bügeleisen, gehört ebenso zu der Ausstellung wie das Modell eines Gruppenarbeitsplatzes von Näherinnen aus der industriellen Fertigung. „Mit Nadel und Faden“ ist der Auftakt einer Reihe, in deren Verlauf Ina Duggen traditionelles Handwerk und Gewerbe der Kreisstadt dokumentieren will. Die Museumsleiterin: „Auch die folgenden Ausstellungen sollen durch Mitwirkung von Zeitzeugen lebendig gestaltet werden.“
Die aktuelle Ausstellung endet am 17. Januar.

Pinneberger Tageblatt, 3.12.97

 

1998

„Clara, Dora, Emma ...“
Frauenleben in Pinneberg

8. März – 2. Mai 1998

 

Frauen beeinflussen Pinnebergs Geschichte
Ausstellung im Alten Amtsgericht

Pinneberg (bw). Weiße Flecken in der Geschichtsschreibung kommen gelegentlich vor. Was aber den Anteil der Frauen an der Geschichte betrifft, so wird häufig und zumeist von weiblicher Seite beklagt, existiere beinahe ausschließlich ein einziger großer weißer Fleck. Sieben Frauen ist es zu verdanken, daß dieses Defizit für Pinneberg nicht mehr uneingeschränkt gilt. In der Arbeitsgruppe „Frauengeschichte“ trugen sie drei Jahre lang Material für eine Ausstellung zusammen, die den so arg vernachlässigten Bereich der Historie zumindest für eine bestimmte Zeitspanne ausleuchtet. „Clara, Dora, Emma.. . Frauenleben in Pinneberg“ wurde am Wochenende unter großer Publikumsbeteiligung im Rahmen der Veranstaltungsreihe rund um den Frauentag eröffnet.

Optimum an Ergebnissen nach intensiver Recherche

Wohl an die 200 Besucher drängten sich am Internationaler Frauentag in den Räumen des Alten Amtsgerichts — keineswegs nur Frauen. Auch viele Männer zeigten reges Interesse an den bislang unterschlagenen Fakten. Ein Erfolg für die Initiatorinnen, deren unermüdliche und hartnäckige Forschungen ein Optimum an Ergebnissen zu Tage gefördert hat. Im allgemeinen Lob über die gelungene Präsentation der Fundstücke und Begleittexte wollten sich die Veranstalterinnen um Museumsleiterin Ina Duggen jedoch nicht sonnen. In ihren Eröffnungsreden wiesen sie auf die bittere Notwendigkeit ihrer Initiative hin.
„Große Staatsmänner, herausragende Denker, bedeutende Erfindungen, Kriege und Feldzüge — die Bücher vermitteln den Eindruck, als würde Geschichte nur von Männern gemacht“, stellte Sylvia Hegselmann fest. Frauen sei aber die Teilnahme am öffentlichen Leben und damit der Zutritt zu diesen „geschichtswürdigen Bereichen“ lediglich weitgehend verwehrt gewesen.
Sieben Biographien von Pinneberger Frauen, die sich engagierten, sich einmischten oder auch nur ihr Leben unabhängig und selbstbestimmt gestalteten, sind in der Ausstellung nachvollziehbar. Ob die Sozialdemokratin Emma Bohnemann, die trotz Belastung als Hausfrau politisch so aktiv war, daß sie die Geschicke der Stadt entscheidend mitgestaltete, die engagierte Rotkreuzlerin Clara Bartram, die noch als 78jährige während der großen Flutkatastrophe von 1962 die Hilfsaktionen begleitete, oder die Schwestern Emma, Bertha, Helene und Anne Never, die als seltene Ausnahme ihrer Zeit alle berufstätig waren — immer dokumentieren die Lebensläufe auch ein Stück Alltagsgeschichte. „Und die ist mindestens so spannend wie die Erzählungen von den deutschen Kaisern“, versicherte Sylvia Hegselmann.

Spurensuche in der eigenen Geschichte

„Es ist auch eine Ausstellung gegen das Vergessen“, forderte die Rellinger Gleichstellungsbeauftragte Dorathea Beckmann die Besucher auf, sich auf Spurensuche in der eigenen Geschichte zu begeben und Verbindungen zur Historie des Heimatorts und -landes herzustellen. Wer sich ebenfalls dazu inspirieren lassen will, kann die Ausstellung noch bis zum 2. Mai im Stadtmuseum, Dingstätte 25, betrachten: dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr, sonnabends von 11 bis 13 Uhr.

Pinneberger Tageblatt, 11.3.1998

 

1933 – 1945 Pinneberg zur Zeit des Nationalsozialismus
8. Sept. – 15. Nov. 1998
VHS-Geschichtswerkstatt und Stadtmuseum

 

Pinneberg und der Nationalsozialismus
Sehenswerte Ausstellung der Geschichtswerkstatt

Pinneberger Zeitung, 8.9.1998

kol Pinneberg — Nationalsozialismus in Pinneberg: ein dunkles, ein problematisches Kapitel der Stadtgeschichte. Und ein Kapitel, an das sich bisher niemand herantraute. Die neun Mitglieder starke Geschichtswerkstatt der Pinneberger Volkshochschule hat es es getan. Zwei Jahre lang haben die Hobby-Historiker akribische Forschungsarbeit betrieben, Zeitzeugen interviewt, Archive und Akten durchwühlt. Herausgekommen ist die großartige Ausstellung „1933 - 1945 - Pinneberg zur Zeit des Nationalsozialismus“, die noch bis zum 15. November im Stadtmuseum, Dingstätte 25, zu sehen ist. Der Eintritt ist natürlich frei.
„Es gibt eine Menge Literatur zur regionalen Geschichte, aber die lokale Geschichte ist in Sachen Nationalsozialismus weitgehend unerforscht“, erläuterte VHS-Chef Wolfgang J. Domeyer, der auch Mitglied der Geschichtswerkstatt ist, während der Ausstellungseröffnung. Er berichtete von den Widrigkeiten, die sich seinen Mitstreitern in den Weg stellten: „Die Quellenlage aus dieser Zeit ist denkbar ungünstig. Bevor die britischen Truppen am 4. Mai 1945 in Pinneberg einmarschiert sind, wurden eine Unmenge Akten hastig im Drosteipark verbrannt.“
Und dennoch quellen die Stellwände in den drei Räumen im Stadtmuseum über. Dokumente, Aktenauszüge, Fotos, Zeitungsausschnitte und kurze, selbstgeschriebene Zusammenfassungen machen deutlich: Der Nationalsozialismus war in Pinneberg fest verankert. „Es fand eine sehr starke Identifikation statt“, berichtet Domeyer. Und in der Hitler-Zeit entstand viel, was noch heute das Gesicht der Kreisstadt prägt: die Eggerstedt-Kaserne, der Rosengarten, das Freibad und die Sportanlagen.
Wie die im Dezember 1931 gegründete SS-Gruppe die 13 000Einwohner-Stadt im Griff hatte, wie die Situation an den Schulen und in den Sportvereinen war und wie sich die Lage der Einwohner darstellte - all das dokumentiert die Ausstellung. „Sie haben eine erstaunliche Fülle Material gesammelt, das hebt sich von der üblichen Geschichtsschreibung ab“, bescheinigte Ina Duggen, Leiterin des Stadtmuseums, den Chronisten.
Wer möchte, kann sich auch per Tonband oder anhand eines kurzen Videofilms über die damaligen Verhältnisse informieren. Oder er kann nachlesen, wie das Sondergericht Altona zahllose Bewohner der Stadt wegen Heimtücke oder Wehrkraftzersetzung aburteilte, etwa wenn jemand Fleisch beiseite geschafft hatte. „Ich hoffe, daß viele Jugendliche die Ausstellung besuchen. Der Rechtsruck in der Jugend ist bedenklich“, so Pinnebergs Bürgervorsteher Horst Hager (SPD).
Das Stadtmuseum ist montags bis freitags von 17 bis 19 Uhr und sonnabends von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Donnerstags kann es von 10 bis 12 Uhr besichtigt werden. Schulklassen können die Ausstellung nach Absprache mit der VHS auch außerhalb dieser Zeiten besuchen.
Am 10. und 29. September finden in der Landdrostei (Beginn: 19.30 Uhr) hochkarätig besetzte Vorträge über die Gestapo beziehungsweise die NS-Herrschaftsstruktur statt; der Eintritt kostet zwischen fünf und sieben Mark. Kostenfrei ist am 23. September und am 6. Oktober ab 19.30 Uhr an gleicher Stelle eine Zusammenstellung von Filmdokumenten über die Hitler-Zeit in Pinneberg zu sehen.


Lebenskünstler
im Alter und in der Krankheit
Fotos von Margot Drews

13. Dezember 1998 – 6. Febr. 1999

 

Fotografien, die Intimität schaffen
Pinnebergerin porträtiert Lebenskünstler im Stadtmuseum
Margot Drews zeigt im Alten Amtsgericht Bilder von Menschen, die es geschafft haben, vor den Klippen des Lebens nicht zu kapitulieren.

Von Berthold Wagner

Pinneberg. „Das geht mir richtig unter die Haut.“ Ein Satz, der in vielen Variationen sehr häufig im Alten Amtsgericht zu hören war. In den Räumen des dort eingerichteten Stadtmuseums wurde die Ausstellung „Lebenskünstler“ feierlich eröffnet. Die Bilderschau mit 50 Fotografien der Pinnebergerin Margot Drews beeindruckte die etwa 100 Besucher tief, mit lobenden Kommentaren sparte keiner von ihnen.
Acht Personen hat Margot Drews während der vergangenen anderthalb Jahre mit der Kamera begleitet. Es handelt sich zum einen um Menschen, die sich von Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn haben werten lassen, sondern mit der schwierigen Situation persönlich gewachsen sind. Die anderen sind Zeitgenossen, die sich auch im hohen Alter nicht aus dem gesellschaftlichen Leben verabschiedet haben. Mit ihrer geistigen Aktivität, körperlicher Fitneß, ihrem sozialen Engagement und der Pflege ausgefallener Hobbys bieten sie selbst jüngeren Generationen ein beeindruckendes Beispiel an Vitalität.
Da ist Britta, 1978 mit dein Down-Syndrom zur Welt gekommen. Die kompromißlose Liebe und Unterstützung der Familie hat es dem Mädchen ermöglicht, sein Talent zum Malen zu entwickeln. Die Fotos von Margot Drews zeigen eine unbeschwerte, fröhliche Britta im Kreis ihrer Familie. Keine aufgesetzte Idylle, sondern der Anblick einer Gemeinschaft, der gerade ein Problem die Fähigkeit verliehen hat, Prioritäten zu setzen Lind das Richtige zu tun.
Eine andere Fotoserie zeigt den Leipziger Wolfgang Klien, nach eigenen Angaben „aus Sympathie für das flache Land“ 1970 nach Pinneberg gezogen. Der über 90jährige nimmt immer noch am politischen Leben teil, malt, läuft Ski, schwimmt, tanzt und spielt Tennis. Margot Drews hat ihn auf seinem Fahrrad abgelichtet — auf dem Weg zu seinem nächsten Werk, einem Gemälde seiner Wahlheimat.
„Ich hatte nirgendwo eine Definition des Begriffs Lebenskünstler gefunden“, berichtete Kultur- und Jugendamtsleiterin Traudchen Perrefort in ihrer Eröffnungsrede. „ Doch als ich diese Bilder sah, wußte ich, daß es vieler Worte gar nicht bedurfte.“ Die Fotos würden selbst die Erfahrungen, die Stimmungen, die Heiterkeit und die Hoffnungen der gezeigten Menschen vermitteln.
Eine alleinerziehende Mutter, die ihr schwerstbehindertes Kind mit ernstem Gesicht, aber liebevoll im Arm hält, eine Rollstuhlfahrerin, die sich genießerisch mit geschlossenen Augen von der Sonne bescheinen läßt: Margot Drews‘ Fotografien schaffen Intimität. Diese erweckt Bewunderung für die Menschen, die vor den Klippen des Lebens nicht zu Kapitulanten, sondern zu Lebenskünstlern wurden.
Bis zum 6. Februar ist die Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen: dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr, donnerstags von 10 bis 12 Uhr und sonnabends von 11 bis 13 Uhr.

Pinneberger Tageblatt,

 

Zielort unbekannt
Leben in Pinneber
g
26. Sept. – 18. Dez. 1999
Freundeskreis Flüchtlinge, Stadtmuseum und Diakonisches Werk